Sci-Fi Horror, in der Anthologie Am Anfang war das Bild, Hirnkost Verlag.

Inhalt:

Die Welt wird schon lange Zeit von den außerirdischen Merliten beherrscht. Die Rolle und Stellung des Menschen hat sich massiv verändert. Richard ist ein Mensch und leitet Großwildjagden für Außerirdische. Er ist mit zwei Merliten unterwegs. Sie streifen durch eine verlassene Stadt und suchen nach Beute. Sie jagen Menschen.

Auszug:

Richard war anders. Er war ein Großwildjäger. Man bezahlte ihn dafür, dass er Merliten half, Menschen zu jagen und zu schießen. Und sie bezahlten ihn gut dafür. Unter seiner Anleitung konnten sie sich wieder wie damals fühlen, als sie sich die Erde genommen haben.

Der Tod eines Menschen machte etwas mit ihnen. Er erfüllte sie mit Kraft und Leben und Wildheit und sie fühlten sich wieder stark und kriegerisch. Richard dachte daran, wie Menschen früher Tiere gejagt haben. Vielleicht war es das Gleiche. Vielleicht auch nicht. Er zuckte mit den Schultern. Es war ihm egal.

»Passt bei der Haut auf«, sagte Richard.

Die Assistenten von Isabelle waren auch Merliten, aber ihnen durfte Richard Anweisungen geben. Im Grunde galt das während der Jagd auch für Isabelle selbst, denn er war für ihre Sicherheit verantwortlich. Auch dafür bezahlten sie.

»Zieht sie als Ganzes ab«, sagte er. »Macht keine unnötigen Schnitte.«

Er war kurz davor, es ihnen zu zeigen. Aber sie waren eigentlich gut ausgebildet und wussten, was sie taten. Er war wohl selbst irritiert. Mehr, als er sich eingestehen wollte.

Sie hatte Angst gehabt. Keine Frage. Sie hatte sich vor dem Mann gefürchtet. Und der Mann, er hatte sich nicht versteckt oder die Flucht ergriffen. Er war auf sie zugestürmt. Brüllend und schreiend, mit erhobenen Armen und drohenden Fäusten. Er wollte sie zerfleischen, mit bloßen Händen. Ein richtig wilder Mensch war das. Ein Prachtexemplar.

Richard trat von dem Kadaver weg. Die Haut wurde mit einem reißenden Geräusch vom Körper gezogen. Darunter klang es nass und feucht. Das Blut und die Muskeln. Es war gutes Fleisch. Der Mann war noch nicht sehr alt. Richard schätzte ihn auf Mitte zwanzig. Höchstens.

Isabelle hatte nicht nur Angst gehabt, sie war wie erstarrt gewesen im Angesicht dieses Berserkers. Ihre Muskeln gehorchten nicht. Ihr Verstand war ausgeschaltet. Und die Waffe in ihrer Hand unbrauchbar geworden.

Wenn Richard nicht rechtzeitig geschossen hätte, dann … Er wollte gar nicht daran denken. Ein toter Merlit auf einer Großwildjagd. Danach hätte er sich gleich selbst erschießen können.

Stattdessen hatte er den Mann erschossen. Zuerst traf er ihn in die Seite. Ein Schuss, der dem Mann ein paar Rippen brach und dann die Lunge durchlöcherte. Die Schmerzen mussten betäubend gewesen sein, heiß und brennend. Der erste Schuss hatte ihn aber nicht zu Fall gebracht. Er hatte ihn nur verlangsamt, hatte Richard genug Zeit gebracht, noch einmal zu zielen. Diesmal hatte er das Genick des Mannes im Visier. Er traf ihn perfekt. Durchtrennte ihm mit einem Schuss die Wirbelsäule. Noch im Laufen brach der Mann zusammen und fiel kurz vor Isabelle zu Boden. Krachte auf den mit Gras überwucherten Asphalt und rutschte ein wenig, bevor er leblos liegen blieb.

Der Erleger

Hinter den Kulissen:

Normalerweise bin ich relativ flott beim Schreiben von Kurzgeschichten. Die meisten schreibe ich in einem Fluss von 1-3 Stunden oder, wenn sie etwas länger sind, auf zwei Tage verteilt. Dann ist die erste Fassung fertig und es gibt ein paar Überarbeitungen. Aber mit Der Erleger hab ich mir wirklich schwer getan. An dieser Geschichte bin ich wochenlang gesessen und es fiel mir immer schwer wieder in diese Welt einzutauchen, zu diesen Figuren zurückzukehren.

Wahrscheinlich fällt es mir auch deshalb schwer Der Erleger „objektiv“ zu beurteilen oder zu mögen. Es ist eine Geschichte, die mir schwer gefallen ist und das schlägt sich bei mir auch beim Lesen durch. Sie liest sich, für meinen Geschmack, zu bemüht und ich mag keine „bemühten“ Geschichten. Ich finde, man sollte als Leser nie merken, wieviel Arbeit in einer Geschichte und seinen Figuren steckt. Sobald man das tut, hat der Autor seine Arbeit nicht gut gemacht.

Umso mehr hab ich mich darüber gefreut, dass Der Erleger dann doch in die Anthologie Am Anfang war das Bild aufgenommen wurde.

P.S.: Eine große Inspiration für Der Erleger war übrigens die Kurzgeschichte Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber von niemand geringerem als Ernest Hemingway.

Rezensionen:

Auch “Der Erleger” von Marco Rauch nutzt ein altbekanntes Thema. Außerirdische besuchen die Erde, wo Menschen extra auf einem primitiven Niveau gehalten werden, damit sie willige Jagdopfer sind. Aus dieser Prämisse macht der Autor aber einiges. Die Fremden mit ihrem Drang nach Trophäen entsprechen vielleicht noch dem Predatorklischee. Aber Menschen helfen ihnen bei der Jagd auf die in die Primitivität zurück gefallenen Artgenossen. Absichtlich nutzt Marco Rauch alle Elemente der klassischen Jagd auf die Tiere inklusiv des Erlegens und des Verzehrs. Der pragmatisch opportunistische Jagdführer macht bei allem mit. Voller nicht sympathischer Charaktere und drastischer Szenen hinterfragt Marco Rauch auch die Jagd auf “wilde Bestien” in der Gegenwart und die Befriedigung des Blutrauschs. In seinem Nachwort stellt der Autor berechtigt die Frage, dass man nicht mehr erkennen kann, wer wirklich die Bestie ist. 

Thomas Harbach, Robots & Dragons

Wenn die Invasion durch Aliens längst geschehen ist, werden Einheimische die besten Jagdführer für extraterrestrische Touristen sein. Kalt, böse, zynisch und konsequent zu Ende gedacht. Ist es seine Anpassungsfähigkeit, die den Menschen zur Bestie machen kann? Hat mir sehr gefallen. Aber das wird nicht bei jedem so sein.

Thorsten Küper

Richard, als einer von wenigen zivilisierten Vertretern der Menschheit, führt ein Alienpaar bei einer Safari auf wild lebende Menschen – Nach meiner Ansicht die stärkste Geschichte der Sammlung. Es ist die nüchterne, wertneutrale Darstellung in der strukturell und sprachlich gelungenen Geschichte, welche die Natur unserer Spezies schmerzhaft offenlegt. Die Charakterisierung des Safari-Führers Richard und der außerirdischen Rasse ist sehr gelungen. Es macht nicht unbedingt „Spaß“, diese Geschichte zu lesen, aber vermutlich wird es dieser Beitrag der Sammlung sein, der am meisten nachhallt.

Christoph Grimm

Bei „Der Erleger“ von Marco Rauch ist mir ein wenig übel geworden. Wenn man aber Harlan Ellisons „Die Stadt am Rande der Welt“ gelesen hat, wirkt seine Geschichte rückblickend doch eher harmlos. Und interessanterweise hat jemand im Lesezirkel ausgerechnet diese Story für die Beste des Bandes erklärt und ich fand die Hintergründe dazu sogar einleuchtend. Eigentlich müsste ich sie nochmal lesen, da ich beim ersten Mal sicher einiges verpasst habe, aber dafür muss ich noch etwas mehr Zeit vergehen lassen und so lange wollte ich mit der Rezension nicht warten.

Yvonne Tunnat, Rezensionsnerdista

In Marco Rauchs Story Der Erleger schrammt die Sci-Fi schon stark am Horrorgenre. Außerirdische Invasoren machen mit Hilfe eines menschlichen Schützen Jagd auf Beute. Eine düstere Dystopie, die vor allem aufgrund des starken Worldbuilding, das Fleisch, Blut und Erde förmlich riechen lässt, punktet.

Benedict Thill, Pressplay.at

Videos:

Lesung

Vorgelesen von Dominic Marcus Singer

Zwei Youtube-Streams von Robert Corvus

Mit Michael Tinnefeld (Autorenperspektive)
Mit Melanie Wylutzki (Verlagsperspektive)